Überwinden Spanien & Italien 2013 die Euro-Krise?

Eurokrise-


Italien und Spanien könnten bereits nächstes Jahr die Krisensituation überwunden haben und sich auf einen Wachstumskurs befinden. Der Chef-Ökonom der Berenberg Bank, Holger Schmieding, sieht dank der EZB eine günstige Ausgangslage für die Überwindung der Euro-Krise.

„Die EZB beseitigt die Fehler Europas“

Euroraum
Euro-Zone wird stabiler
Bild: Kurt F. Domnik / pixelio.de

Die Politik der Europäischen Zentralbank (EZB) zeige Wirkung und Spanien sowie Italien könnten bald die Krise hinter sich lassen, schrieb Holger Schmieding, Chef-Ökonom der Berenberg Bank, in einem Gastbeitrag bei Zeit.de (Dienstag). Die Zentralbank werde ihren Kritikern zum Trotz die Wende schaffen.

Schmieding geht davon aus, dass „das Schlimmste“ bald hinter uns liegen könne, dank der Bereitschaft der EZB, im Notfall am „gestörten Markt für Staatsanleihen“ direkt einzugreifen. Für seine Schlussfolgerung leitet der Ökonom die bisherigen Entwicklungen der Krise ab. Demnach blieben die bisherigen Verwerfungen bis Mitte 2011 auf die drei „Euro-Zwerge Griechenland, Irland und Portugal begrenzt“, obwohl die griechische Regierung bereits Ende 2009 „aus eigener Schuld in heftige Turbulenzen geriet und im Mai 2010 um Hilfe bitten musste.“

Diese drei Euro-Länder würden zusammen lediglich 6 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung im Euroraum ausmachen. Die deutsche Wirtschaft konnte „dank einer klugen Rettungspolitik“ innerhalb des Zeitraums Ende 2009 und Mitte 2011 sogar um 6 Prozent zulegen.

Erst als sich die Turbulenzen im Juli 2011 plötzlich auf die gesamte Euro-Zone ausbreiteten, wäre nach dem Beschluss zur Umschuldung griechischer Anleihen eine Panik an den Anleihemärkten ausgebrochen. Das Resultat wäre ab Herbst eine gelähmte Konjunktur innerhalb der gesamten Währungsunion gewesen, nachdem sich im August die Panik auf die Aktienmärkte übertrug.

Anleger wären bereits seit dem Sommer 2011 verunsichert darüber, ob weitere Schuldenschnitte anderer Euro-Mitgliedsländer, oder sogar die Rückkehr zu nationalen Währungen zu befürchten wären. Schmieding beschreibt die Folgen als die eingetretene Kapitalflucht aus Spanien und Italien, die letztendlich Südeuropa in eine „scharfe Rezession“ gleiten ließ.

Künstliche Erhöhung der Immobilienpreise wegen Fluchtgeld
Der Chefvolkswirt der Berenberg Bank sieht das aus dem Süden Europas stammende „Fluchtgeld“ als einen Grund für gestiegene Preise für Wohnungen in Ballungszentren an. Darüber hinaus wären auch die Kurse für Staatsanleihen aufgrund des Kapitalabzugs aus dem Süden künstlich nach oben getrieben worden. Diese Entwicklungen hätten auch Deutschland an „den Rand der Rezession“ getrieben, da die „Euro-Wirren“ und der Einbruch wichtiger Exportmärkte der Investitionsneigung von Unternehmen schwer anlasteten.

Schmieding hielt nicht Griechenlands Umschuldung für einen Fehler, vielmehr hätte es Europa versäumt, die weniger kranken und viel größeren Länder Spanien und Italien „glaubwürdig gegen Ansteckungsgefahren abzusichern“.

Die EZB hat das Versäumnis Europas beseitigt

Der EZB-Chef Mario Draghi hätte mit seiner Versicherung, dafür Sorge zu tragen, dass Spanien oder Italien nicht durch eine aufkommende Panik in den Märkten aus dem Euro geworfen werden können, die bisherigen Fehler Europas bereinigt. Schmieding hob hervor, dass dennoch die Unterwerfung der Länder zu Reform- und Sparprogrammen sowie die Genehmigung vom Europäischen Rettungsschirm (ESM) und vom Deutschen Bundestag Voraussetzungen wären.

Seit dem Versprechen, Draghis, alle möglichen Mittel einsetzen zu wollen, hätte sich die Lage merklich entspannt, so der Ökonom. Der Euro gewänne für seine Zukunft immer mehr Vertrauen der Anleger. Darüber hinaus verringere sich die nach Deutschland gerichtete Kapitalflucht aus Italien und Spanien. Diese Entwicklung wäre u.a. im Target 2 zu beobachten, die Fehlbeträge der Südländer gingen wieder zurück.

Der Chef-Ökonom der Berenberg Bank bezifferte die für Spanien im September zurückgegangenen Target2 Fehlbeträge um 34 Milliarden Euro auf derzeit 400 Milliarden Euro. Für Deutschland reduzierten sich die Target-Forderungen im gleichen Zeitraum um 55 Milliarden Euro und sanken auf derzeit 695 Milliarden Euro. Schmieding sieht in dieser Entwicklung einen „guten Anfang“, da die Banken Spaniens zur Refinanzierung wieder einen Zugang zum Interbankenmarkt gefunden hätten und dadurch unabhängiger von der EZB würden.

„Die Euro-Krise ist zwar noch längst nicht ausgestanden. Aber dank des Sicherheitsnetzes der EZB ist der Drahtseilakt der Spar- und Reformpolitik nun weit weniger riskant geworden“, erklärte Schmieding in seinem Beitrag bei Zeit.de und will bereits bei einzelnen Reformländern deutlich sichtbare Fortschritte erkennen.

Die ehemals großen Fehlbeträge in der Außenwirtschaft gingen an allen Stellen der Euro-Peripherie „mit atemberaubender Geschwindigkeit zurück“, so der Chef-Ökonom. Noch im Jahr 2008 wies Spanien einen negativen Außenbeitrag von über 10% seiner Wirtschaftsleistung auf, dies hätte sich inzwischen zu einem kleinen Überschuss gewandelt. Darüber hinaus hob Schmieding die „kräftig sinkenden“ Lohnkosten und die um konjunkturelle Effekte bereinigten Defizite in den Staatshaushalten hervor.

Für Italien könnte die Krise bereits im Frühjahr 2013 beendet sein, vermutete Schmieding, Spanien könnte im Herbst folgen. Die EZB müsse lediglich eine neue Panik in den Finanzmärkten zu verhindern wissen. Dann könne auch für Deutschland Anfang 2013 wieder Wachstum einkehren.

Der Chef-Ökonom der Berenberg Bank setzte für diese Ziel eine Voraussetzung: „Die Angst um den Euro, die sich wie Mehltau auf die Stimmung der Unternehmen gelegt hat, muss in den kommenden Monaten weiter schwinden.“

Die Sicht einer Privatbank

Holger Schmieding hielt bereits Mitte August einen abschwächenden Euro gegenüber anderen Währungen als einen Vorteil für die Krisenländer. Seine Prognosen zu einer möglichen baldigen Beendigung der Krise für die Südländer Spanien und Italien lassen jedoch einen Gesichtspunkt der extrem hohen Arbeitslosigkeit vermissen.

Besonders Spanien ist derzeit von einer Arbeitslosenquote von über 25% geplagt. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) viel im dritten Quartal 2012 zum fünften Mal in Folge und lt. Faz.net (Dienstag) geht Estefania Ponte, Ökonomin von Cortal Consors, auch nach einem Rückgang der Abschwächung um verbesserte 0,3 Prozentpunkte gegenüber der vorhergegangenen Periode noch lange nicht von einer verbesserten Wirtschaftslage aus. Es handelte sich mehr um den Vorzieheffekt, da die spanische Regierung für den 01.September eine Anhebung der Mehrwertsteuer von 18 auf 21 Prozent ankündigte.

Weitere aus Madrid angewiesene Sparkurse rufen die Gewerkschaften auf den Plan, die Streikmaßnahmen bereits ankündigten. Wenngleich die spanische Regierung von einem für 2013 erwarteten Wachstum um plus 0,5% spricht, erwarten dagegen Experten mit einem dreimal so starken Rückgang. Dazu wächst die Gefahr des weiteren Arbeitslosenanstiegs. (Spiegel Online, 26.10.12).

Für Italien erwartet der Internationale Währungsfonds (IWF) auch im kommenden Jahr kaum Besserung.

Die „Verbesserungsprognosen“ für die Euro-Südschiene erscheint wie eine Momentaufnahme, deren Ausrichtung konsequent weiter gedacht wird, ohne die Faktoren wie Sparmaßnahmen, Arbeitslosigkeit, soziale Unruhen und auch die Einflüsse des gesamten Binnenmarktes zu berücksichtigen. Die Faktoren wie Sozialleistungen und Beschäftigung scheinen aber für die Privatbanken, zu der auch die Berenberg Bank zählt, nicht relevant zu sein, solange die Forderungen („fiktiver Werte“) einen Kurs gen Ausgleich nehmen und die Rekapitalisierung der Geldhäuser sicher gestellt ist.

Angestrebte Lohnsenkungen werden von Gewerkschaften „umkämpft“, eine Steigerung der Produktivität wird durch Spar- und Reformkurse noch mehr erschwert. In den Krisenländern soll mit „einem Schlag“ das erreicht werden, für das in Deutschland die kalte Progression mehrere Jahre benötigte.

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