Sinn: Frankreich gerät auf zehnjährige Durststrecke

Eurokrise Frankreich-


Der deutsche Top-Ökonom und Chef des Münchener ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, sieht Frankreich vor einer wirtschaftlichen Flaute über ein ganzes Jahrzehnt stehen. Das gilt allerdings nur, wenn Präsident Hollande die notwendigen Reformen nicht mehr verweigerte, sondern davon absähe, den zu erwartenden Leidensweg unnötig zu verlängern.

Frankreich steht vor 10 Jahren „Verzicht & Verbilligungen“

Hans-Werner Sinn
Hans-Werner Sinn
Chef vom ifo-Institut

Bild: ifo Institut/Bonitz

Frankreich steht offenbar nach den Jahren fetter Zeiten eine zehnjährige Durststrecke bevor. Der scheinbare „Glanz und Glimmer“ des Überflusses versickert im aufzehrenden Wüstensand der Eurokrise. Grundsätzlich verläuft mindestens diese chronologische Abfolge auch in den Ausführungen des Chefs des Münchener ifo-Instituts Hans-Werner Sinn. Er sieht für das Euro-Mitgliedsland primär vor einem Berg Probleme stehen, die sich sekundär auf die gesamte Währungsgemeinschaft auswirken wird.

In einer Kolumne der WirtschaftsWoche (WiWo) (Montag) beschreibt Sinn Frankreichs ungebremstes Abgleiten in die Eurokrise. Das Land sei schlicht zu teuer geworden und müsse zum Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit um 20 Prozent billiger werden. Die Verweigerungen der Reformen durch Frankreichs Präsident Hollande würde das Leiden nur in die Länge ziehen.

Frankreich „kränkelt“ und das britische Magazin „Economist“ bezeichnet Frankreich sogar als eine „Zeitbombe“, so Sinn. Einige Zahlen sprächen für eine Besorgnis erregende Entwicklung. So wäre die Anzahl der Insolvenzen heute bereits um 14% höher als noch im Jahr 2008, als die Lehman-Krise für globale Erschütterungen sorgte. Das verarbeitende Gewerbe Frankreichs erreichte zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) nur noch einen Anteil von 9%. Im Vergleich könnten England noch 10% und Deutschland sogar noch 20% vorweisen.

Der Top-Ökonom kann auch in Frankreichs traditioneller Autoindustrie wunde Punkte feststellen. 8.000 Arbeitsstellen gingen alleine durch die Werksschließung von Peugeot bei Paris verloren. Der Mitbewerber Renault spielt ebenfalls mit dem Gedanken, Fertigungen still zu legen. Auch der Rüstungs- und Luftfahrtkonzern EADS gab bereits geplante Freistellungen von Mitarbeitern bekannt. Die Stahlindustrie Frankreichs sieht Sinn im Rückwärtsgang.

Frankreich konnte nicht Tritt fassen
Frankreich sei es nicht wie Deutschland gelungen, nach der globalen Rezession durch die Lehman-Pleite wieder in Gang zu kommen, so Sinn. Deutschlands Arbeitslosigkeit sei mit einem derzeitigen Wert von 5,4% bedeutend geringer als noch vor dem Zusammenbruch der Investment-Bank im Jahr 2008. Frankreichs Arbeitslosenquote dagegen übertraf mit 10,7% den bisherigen Höchstwert aus der Wirtschaftsflaute im Winter 2005/2006, bei noch ansteigenden Tendenzen. Die Arbeitslosenquote bei den Jugendlichen veranschaulicht die unterschiedlichen Situationen beider Länder ganz besonders. Frankreichs Jugendarbeitslosigkeit beträgt rund 25%, während sie in Deutschland lediglich bei 8% liegt.

„Kanzler Schröder folgte dem Ruf der Ökonomen“
Im Jahr 2005 erreichte Deutschlands Arbeitslosigkeit mit 11,5% einen Spitzenwert. Frankreich hätte diese Marke derzeit zwar noch nicht erreicht, befände sich aber auf dem besten Weg dorthin, erklärte der Ökonom. Heute übertrifft die französische Arbeitslosenquote Deutschlands Wert im März 2003 um einen Prozentpunkt. Zu diesem Zeitpunkt führte der damalige Bundeskanzler Schröder (SPD) die „Agenda 2010“ ein und folgte damit dem Rat der Ökonomen. Dadurch wurden die impliziten Mindestlöhne des deutschen Sozialsystems abgesenkt.

„Präsident Hollande hinkt noch etwas hinterher“
Sinn sieht Frankreichs Regierungschef der damaligen Position Schröders hinten nachstehen. „Hollande ist heute noch nicht so weit wie Schröder“, so der Chef des ifo-Instituts und erklärte dazu, „er fabuliert, wie die Linken es zu tun pflegen, von Wachstumspolitik und meint damit keynesianische Maßnahmen zur schuldenfinanzierten Nachfragesteigerung“. Die Auswirkungen würden lediglich einem Strohfeuer gleichkommen, die bald wieder erloschen sind. Solche Maßnahmen erhöhten die Staatsquote des Landes, unterminierten die Wettbewerbsfähigkeit und minderten den Reformdruck. Unter allen entwickelten Ländern der Welt könne Frankreich mit einer Staatsquote in Höhe von 56% den zweithöchsten Wert vorweisen. Deutschlands Quote beträgt dagegen nur 45%. Unter allen Euro-Mitgliedsländern stehe kein Land dem Sozialismus so nahe wie Frankreich.

„Frankreich muss um 20% billiger werden“
Kein einfacher Weg, aber Frankreich müsse real abwerten, so Hans-Werner Sinn. Frankreich müsse eine zehnjährige Flaute durchlaufen, bei der die Inflationsrate dem Durchschnitt der restlichen Eurozone um zwei Prozent hinterher hinkte. Eine „Wachstumspolitik á la Hollande“ könne die reale Abwertung zwar vorübergehend verhindern, aber das würde den Weg des Leidens nur verlängern. Einmal verhindere diese Politik die notwendige Preissenkung und zusätzlich würde der Schuldenstand nur noch angehoben werden, so Sinn. Am Ende würde die notwendige Abwertung bis zum Erreichen der Schuldentragfähigkeit nur vergrößert werden.

Direkter Rettungsschirm „nein“, aber indirekt schon
Trotz allem sieht Sinn keine Veranlassung, dass Frankreich unter den Euro-Rettungsschirm schlüpfen müsste. Die Kapitalmärkte wären noch weit weg von Befürchtungen eines Konkurses des Staates. Eine von vielen erwartete „große Finanzkrise in Frankreich“ im Jahr 2013 hält Sinn „nicht für sehr wahrscheinlich“.

Dennoch befindet sich Frankreich bereits indirekt unter dem Rettungsschirm, so der Ökonom. Das deutsche Kapital floss zum großen Teil über Frankreich gen europäische Südländer. Aus diesem Grund war das relativ zur Landesgröße berechnete Exposure der Banken Frankreichs vor den Rettungsmaßnahmen doppelt so groß wie das deutsche, schilderte Sinn. Letztendlich wurden mit den letzten EU-Beschlüssen der vorletzten Woche nicht nur Griechenland gerettet, sondern auch sein mit Abstand größten Gläubiger Frankreich.

Magere Zeiten für alle aufgrund Visionen und Träume weniger

Frankreichs „Pharao“ hätte vor 10 Jahren offenbar einen Visionär gebraucht, der mit seinem Traum von „mageren Kühen“ auf Gehör gestoßen wäre und die Richtung gewiesen hätte. Dennoch ist das Kind bereits in den Brunnen gefallen. Die Getreidesilos sind zwar noch voll, aber der Überschuss ist bereits zu teuer geworden, um es noch wirtschaftlich verkaufen zu können.

Dagegen wurden gemeinschaftlich die Träume anderer Visionäre verfolgt, deren die einen ganzen Kontinent auf einen Weg zerrten, der geradewegs in die Wüste führte und den bereits bestehenden Kampf um jede rettende Oase erst verursachte. Am Ende werden auch diese grünen Inseln verschwunden sein.

Die Bilder ließen sich beliebig variieren, dennoch zeigen sich trotz aller Beteuerungen zur europäischen Integration bis hin zu den Wünschen eines „Vereinigten Staaten von Europas“, steter Widerwille der unterschiedlichen Regierungen der Euro-Länder.

Eine wirkliche Bereitschaft drückte sich u.a. in der Darstellung realer Wirtschaftszahlen aus und nicht im Bemühen der EU-Kommission stets neue Beamtenapparate ins Leben zu rufen, um den Wahrheitsgehalt der nationalen Politiker zu überprüfen oder das gegenseitige Vertrauen unter den Notenbanken durch eine totale Kontrolle austauschen zu müssen.

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