Preis für Wirtschaftswachstum: Mehr psychische Erkrankungen

Arbeitsbelastungen Deutschland-


Mehr Druck, mehr Stress und mehr Arbeitsausfälle durch psychische Erkrankungen. In Deutschland sehen sich die Arbeitnehmer einem stets härter werdenden Kampf gegen die Arbeitsbedingungen ausgesetzt, statt ihrer eigentlichen Aufgabe nachgehen zu können.

Stress und steigende Belastungen am Arbeitsplatz

Arbeitsbelastungen
Der Mensch ist keine Maschine - Aufgezwungener Stress
Bild: Karl Dichtler / pixelio.de

In den vergangenen beiden Jahren seien die Arbeitsbelastungen angestiegen, so das Ergebnis des „Stressreports Deutschland 2012“, den die Bild-Zeitung veröffentlichte. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin befragte in der ganzen Bundesrepublik über 17.000 Arbeitnehmer zu den Belastungen, psychischen Anforderungen und Folgen der Stresseinwirkungen am Arbeitsplatz.

Beinahe 60 Prozent der befragten Arbeitnehmer müssen demnach im Berufsalltag gleichzeitig mehrere unterschiedliche Aufgaben zur gleichen Zeit bewältigen. Dabei sind rund die Hälfte der Arbeitnehmer ständigem Leistungs- und Termindruck ausgesetzt. Rund 50 Prozent der Beschäftigten ist nicht in der Lage, die Arbeiten in Ruhe durchzuführen, da ständige Unterbrechungen durch E-Mails oder Telefonate vorkämen. Rund 25 Prozent der Arbeitnehmer verzichteten auf Ruhepausen, da diese entweder nicht zum Ablauf passten oder eben zu viele Aufgaben zur Erledigung anstünden.

Mit 64 Prozent arbeiten fast zwei Drittel der Beschäftigten auch samstags. An Sonntagen sowie Feiertagen wären sogar noch 38 Prozent der Arbeitnehmer beruflich tätig.

„Stress bei der Arbeit kann vorkommen, aber nicht dauerhaft. Und er darf auch nicht krank machen“, so Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) zur BILD. Die Unternehmen müssten ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen. Dazu müssten die Betriebe auch Bereitschaft zeigen, den von der Arbeitsministerin angekündigten „Kampf gegen chronischen Stress“ zu unterstützen.

Die Grenzen sind offenbar längst überschritten

Da unser Wirtschaftssystem, sei es die (theoretische) soziale Marktwirtschaft oder der eigentlich praktizierte „blanke“ Kapitalismus, nur dann funktionieren kann, wenn ständiges Wachstum erzielt wird, dann müssen die Voraussetzungen dafür geschaffen werden. Das geht meist nur über die Anhebung der Produktivität. Entweder reduziert eine Firma beständig die Anzahl der Mitarbeiter und hält die produzierte Stückzahl oder sie senkt jährlich die Löhne ab. Ein anderer Weg wäre die geforderte Anhebung der produzierten Stückzahl bei gleichem Lohn und gleicher Belegschaft.

In der Regel wird ein Mischverhältnis angewandt, aber unterm Strich bringen die Maßnahmen für die Menschen zwangsläufig nur Mehrbelastungen ein. Die Automatisierung der Fertigungen, „Maschine ersetzt Mensch“, kann nicht bis ins „Sankt Nimmerlein“ getrieben werden. Irgendwann ist der Punkt erreicht, bei dem ein gewisser Rest menschlicher Produzenten das Minimum darstellt.

Ein weiteres Dilemma wird durch die Vorgaben bzw. Erwartungshaltung der Märkte geschaffen. Das Wachstum eines Unternehmens wird in Prozent erwartet. Jedes Jahr müssen ganz besonders an der Börse notierte Unternehmen möglichst hohe Zuwachsraten „erfüllen“. Jährlicher Zuwachs in Prozent ist alles andere als eine linear ansteigende Kurve. Die Erwartungen und der Erfüllungsdruck folgen einer Exponentialfunktion, die dem senkrechten Anstieg auf unendlicher Sicht immer näher kommt. Diese Kurve entspricht der gleichen Darstellung von Zinseszinseffekten, oder wie aktuell sehr schön sichtbar, die Verschuldungsquoten der Staatshaushalte.

So naturfern wie diese einfache mathematische Prozentformel auch ist, sie wirkt sich ebenso unnatürlich auf den Leistungsdruck, der Arbeitsbelastung und somit auf die Gesundheit der Arbeitnehmer aus. Der Mensch kann dieser Kurve nicht folgen und die Grenzen sind offenbar erreicht. „Es geht einfach nicht mehr“.

Eigentlich keine neue Entwicklung
Im Jahr 2010 stellte der Gesundheitsreport der gesetzl. Krankenkassen fest, dass zu diesem Zeitpunkt bereits zwölf Prozent aller Krankschreibungstage der Arbeitnehmer auf psychische Erkrankungen zurück zu führen sind. Der Bundesverband der Betriebskrankenkassen (BKK) veröffentlichte Mitte August 2012 die Zahl zu den Fehltagen von Arbeitnehmern. Demnach wurden deutsche Arbeitnehmer immer häufiger wegen psychischer Leiden krankgeschrieben. Innerhalb eines Jahres sei der Anteil der psychisch Erkrankten um acht Prozent angestiegen.

„Nur der gute Wille zählt“
Die „Kampfansage“ der Arbeitsministerin von der Leyen dürfte sehr schnell in Schall und Rauch aufgehen, wenn sie zu dieser Angelegenheit nicht die Unterstützung des Bundeswirtschaftsministers, der EU-Kommission, der EZB, der Federal Reserve sowie auch Goldman Sachs‘ finden sollte. Die Betriebe und Unternehmen sind in einer Umgebung eingebettet, die sie zur weiteren Verfolgung des derzeitigen Kurses zwingt. „Trotzdem“ kann davon ausgegangen werden, dass von der Leyen die Lage insgeheim einzuschätzen weiß.

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