Ex-EZB Direktoriumsmitglied: Sparer haben Grund zur Sorge

Schuldenkrise – Inflation-


Prof. Otmar Issing, ehem. Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB) und mit Initiator der Einheitswährung Euro, kann nicht mehr viel vom ursprünglichen Mandat der Notenbank erkennen. Vielmehr wandelte sich die Ursprungsidee einer stabilen Währung, die D-Mark zum Vorbild, in Aufgabenbereiche, die außerhalb des Verantwortungsbereichs läge. Die Sparer hätten allen Grund dafür, sich Sorgen zu machen.

Für die Enteignung ist keine Hyperinflation erforderlich

EU Geldpolitik
Europäische Geldpolitik
hat Ziele verfehlt

Die EZB ist auf dem Weg ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren, erklärte Otmar Issing im Interview der Welt (Mittwoch) und bestätigt den Sparern einen berechtigten Grund zu haben, sich über die derzeitige Situation Sorgen zu machen. Letztendlich sei die Geldpolitik an ihre Grenzen gestoßen.

Der ehemalige Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank berichtete von einer Zeit der ersten acht Jahre, in der noch „normale Geldpolitik“ betrieben werden und der klare Auftrag ausgeführt werden konnte. Das wäre auch der Grund gewesen, warum einst die Politik der EU-Notenbank die Unabhängigkeit verliehen hatte. Issing beklagte jedoch, dass die Länder „ihre Hausaufgaben“ nicht machten und die Währungsunion letztendlich in die Krise schlitterte.

Die Rücktritte seines Nachfolgers Jürgen Stark und des ehem. Bundesbankchefs Axel Weber, könne der Ökonom zwar verstehen, aber einen Kurswechsel hätten diese Schritte nicht ausgelöst.

„Keine unmittelbare Inflation durch Geldschwemme
Der Welt erklärte Issing, dass durch die EZB-Geldpolitik zwar keine unmittelbare Inflationsgefahr bestünde, aber er dennoch Zweifel hätte, die immense Liquidität wieder rechtzeitig abschöpfen zu können. Eine Hyperinflation erwartet der ehem. EZB-Chefvolkswirt zwar nicht, aber eine vier- bis fünf-prozentige Geldentwertung würde Sparer bereits enteignen und soziale Probleme bereiten. Rentner können sich nicht mehr auf ihre Altersvorsorge verlassen oder die Mittelschicht würde über die kalte Progression durch höhere Steuern belastet werden.

Issing sieht die soziale Partnerschaft zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften in der Abhängigkeit einer „verlässlichen Geldpolitik“ stehen. Er hält die Inflation als die unsozialste Politik und in der Umkehrfolge die Geldwertstabilität als die „beste Sozialpolitik“.

EZB-Aufgaben außerhalb ihres Verantwortungsbereichs
Es wäre die Aufgabe der Länder, das Vertrauen der Märkte zurück zu gewinnen und die EZB hätte nicht das Mandat, die Fehler der Politik zu korrigieren, führte Issing im Interview mit Welt fort. Regierungen und Parlamente müssten notwendigen Reformen anpacken und durch den Eingriff der EZB ließe der Reformeifer nach. Die Notenbank werde heute mit zu vielen Aufgaben überfrachtet, die nicht zu ihrer Verantwortung zählten.

„Der Geist des Euros wird völlig verkannt“
Die Gemeinschaftswährung steht heute in einem vollkommen anderen Licht, als es noch zur Einführung im Jahr 1999 gewesen ist, so der ehem. EZB-Chefvolkswirt. Alle Länder und Peripheriestaaten hätten zu diesem Zeitpunkt beteuert mit der Inflationspolitik der Vergangenheit brechen zu wollen. „Niemand wollte eine Lira, niemand wollte einen Franc, der vor der Euro-Einführung zur D-Mark immer wieder abwerten musste. Niemand wollte eine Durchschnittswährung aus Mark, Peseta, Gulden oder Lira schaffen“, erklärte Issing.

Es wäre der Wunsch aller Beteiligten gewesen, dass der Euro als Nachfolger der stabilen und erfolgreichen D-Mark werden solle. Das Mandat der Geldpolitik wurde dementsprechend auf eine strikte Bekämpfung der Inflation ausgerichtet.

„Es ist schlicht eine Dolchstoßlegende, wenn heute aus vielen Ländern anderes behauptet wird. Man könnte es auch Geschichtsfälschung nennen, es wäre die Aufkündigung einer Abmachung.“, stellte Issing fest.

Hintergrundinfos zur Prof. Otmar Issing

Otmar Issing war 1998 maßgeblich an der Ausarbeitung der geldpolitischen Strategie der EZB beteiligt. Er war Chefvolkswirt und ehemaliges Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank. Er schied von diesem Amt turnusbedingt im Mai 2006 aus.
Seit dem 01.01.2007 ist Issing „International Advisor“ (Beraterfunktionen) der US Großbank Goldman Sachs und übernahm 2008 den Vorsitz einer Expertengruppe, die Vorschläge für eine Reform der internationalen Finanzmärkte erarbeiten soll. Auftraggeber ist die Bundesregierung.

Bild: Gerd Altmann / pixelio.de

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