Deutschlands Billiglohn-Strategie wirft Vollverdiener an die Armutsgrenze

Armutsgefährdung-


Arm ist wer wenig oder gar nichts hat. In Deutschland zählt bereits ein Einkommen von unter 60 Prozent des Bundesdurchschnitts als armutsgefährdend. Immer mehr Vollverdiener schlittern an die Grenze der Armut. Ein Resultat der ungleichen Entwicklungen bei Produktivität, Teuerungsrate und Löhnen bzw. Gehältern. Lohndumping und Billiglohn-Land sind bereits zum Thema geworden.

Lohndumping

Die Lohnentwicklung hinkt den Kosten- und Produktivitätsentwicklungen hinter her

Vollzeitbeschäftigte sind vor Armut nicht gefeit.

Beim Thema Armut sind die Personengruppen Arbeitslose, Hartz-IV-Empfänger, Teilzeitbeschäftigte und Rentner schnell bei der Hand. Kaum dürften Vollzeitbeschäftigte unter die Armutsfalle geraten und bei der glänzenden Arbeitsmarktlage sollte dies auch kaum denkbar sein. Doch weit gefehlt. Die Armutsschwelle ist relativ hoch angesetzt und bereits rund zehn Prozent aller Vollzeitbeschäftigten kommen dieser Armutsgrenze bereits sehr nahe. Für den finalen Abrutsch braucht es nur einen kleinen Schritt.

Die Anzahl der armutsgefährdeten Vollzeitbeschäftigten in Deutschland ist hoch. Die Verlautbarungen einer boomenden Arbeitsmarktlage und noch nie erreichten Beschäftigungsquoten täuschen über die Realität hinweg. Laut den Studienergebnissen des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) an der Hans-Böckler-Stiftung droht jedem zehnten Hauptverdiener der Abrutsch in die Armut.

Im Jahr 2012 waren demnach 9,5 Prozent der Arbeitnehmer in einer Vollzeittätigkeit bereits armutsgefährdet. Die Definition Armutsgefährdung trifft dann zu, wenn einem Haushalt weniger als 60 Prozent des Nettoeinkommens für die Deckung des wichtigen Bedarfs zur Verfügung stehen. Eine nicht ganz unumstrittene Festlegung. Eine weitere Definition beschreibt die Armutsgrenze, wenn das Einkommen weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens entspricht.

Gestiegenes Einkommen und dennoch effektiv weniger in der Tasche

Einen maßgeblichen Auslöser für diese Situation erkennt das WSI in der Entwicklung der Arbeitnehmereinkommen in den vergangenen Jahren. Die tarifliche Einkommensentwicklung weist zu den nominalen tariflichen Grundvergütungen in der Gesamtwirtschaft zwischen den Jahren 2000 und 2012 einen Anstieg von rund 30 Prozent auf. Im Jahresdurchschnitt 2,5 Prozent. Preisbereinigt (Teuerungsraten) kommt jedoch die bescheidene Zahl von plus 0,6 Prozent heraus.

Zwischen den tariflichen Vereinbarungen und den real gezahlten Löhnen liegt jedoch ein Unterschied. Das WSI wies ein deutliches zurückliegendes Realeinkommen (Effektiveinkommen) nach. Die Bruttomonatsverdienste sind demnach innerhalb des gleichen Zeitraums nominal um knapp 20 Prozent angestiegen. Nach Gegenrechnung der Teuerungsrate (preisbereinigt) ist das effektive Einkommen sogar gesunken. Der Vergleich der Jahre 2012 und 2000 ergibt ein Minus von knapp 2 Prozent.

Die Effektiv- und Tariflohn-Entwicklung zwischen den Jahren 2000 und 2012

Lohnentwicklung zwischen 2000 und 2012 - Quelle: WSI

Gesteigerte Produktivität ohne leistungsgerechte Entlohnung

Das WSI beschreibt den Blick auf den Verteilungsspielraum als ein „ernüchterndes Bild“. Bei einer Definition des Verteilungsspielraums als die Summe aus der Steigerung der Arbeitsproduktivität pro Stunde und dem Anstieg der Lebenshaltungskosten, beträgt der Zuwachs innerhalb des beobachteten Zeitraums plus 38,9 Prozent. Die Tarifentgelt sind jedoch nur um 30,1 Prozent angestiegen und lagen damit um rund 8 Prozentpunkte dahinter. Bei der Gegenüberstellung der nominalen Tariflohnentwicklung zum Verteilungsspielraum kommt eine Lücke von rund 19 Prozent zum Vorschein.

„Im Durchschnitt der gesamten Wirtschaft wurde die Zielgröße einer produktivitätsorientierten Reallohnentwicklung für die Tarif- wie die Effektiveinkommen nicht erreicht“, so das WSI.

Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Aufarbeitung des WSI decken sich inhaltlich mit der teils harschen Kritik von Adam Posen. Der US-Ökonom nahm die deutsche Wirtschaft mit ungeschminkten Worten ins Visier und reihte Deutschland als ein Billiglohn-Land ein. Posen erklärte die deutschen Arbeitnehmer angesichts der Produktivität als unterbezahlt. Die Bundesregierung sei durch ihre Strategie eines Billiglohn-Konkurrenten verantwortlich für die erhebliche Schieflage innerhalb der Eurozone. Den Wirtschaftsverbänden fiel als Antwort nicht viel mehr ein, als Posens Ausführungen als den „Neid eines Außenstehenden“ darzustellen.

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