Bewertungsreserven: Der große Streit um eine Luft-Nummer?

Virtuelle Bewertungsreserven-


Mit den Auseinandersetzungen um die Neuregelung der Bewertungsreserven handelt es sich offenbar um einen Streit um eine Fata Morgana. Virtuelle Werte, die naturgemäß dazu verurteilt sind, wieder zu einer blanken Null zu werden, sollen in bare Münze an die Kunden ausgeschüttet werden. Für die Versicherer ein „Unding“ und das vermeintliche Einbehalten von „Luftgeld“ bringt die Verbraucherverbände in Rage.

Der große Streit um einen rein virtuellen Wert?

Explosive Stimmung
Explosive Stimmung um Bewertungsreserven

Die Bewertungsreserven der Lebensversicherungen sind inzwischen zum Gegenstand medialer „Kreuzfeuer“ geworden. Kritiker und Verbraucherschützer schießen „aus allen Ecken aus vollem Rohr“ und halten die geplante Neuregelung der Ausschüttungen aus der Quelle der Bewertungsreserven für ein „Unding“, das der „personifizierten Ungerechtigkeit“ schlechthin gleich käme.

Wenn gezankt und gestritten wird, gerät Objektivität oft ins Hintertreffen, besonders dann, wenn eigene Interessen wahrgenommen werden wollen. So kommt von den Seiten der „Verbraucher-Verteidiger“ u.a. die These, dass das neue Gesetz dazu führte, die teils enormen Gewinne durch Bewertungsreserven den Versicherungskunden einfach vorzuenthalten. Auf der anderen Seite steht mit Gegenargumenten z.B. der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) und vertritt (natürlich) die Interessen der Versicherer.

Klarstellung zu den Bewertungsreserven von Lebensversicherungen

Der GDV versucht in einer Aufstellung von „5 Fakten zu Bewertungsreserven“ so manche Gerüchte, Missverständnisse und bereits „irregeführte Vorstellungen“ zu den Reserven auszuräumen.

Demnach sind die sog. „Bewertungsreserven“ bilanzielle Buchgewinne von Wertpapieren, die während der Anlagenlaufzeit an (theoretischen) Wert zulegten. Kaufte eine Versicherungsgesellschaft z.B. Staatsanleihen zu 1.000,- Euro ein und haben nach 2 Jahren Anlagenlaufzeit einen Wert von 1.050,- Euro, dann beträgt die Bewertungsreserve 50,- Euro.

Der Trend könnte aber auch in die völlig entgegen gesetzte Richtung einschlagen. Die Papiere verlieren an Wert. Ein Beispiel wären deutsche Staatspapieren, die letztes Jahr mit einer bestimmten Laufzeit bereits in den Bereich der Negativrenditen heraus gegeben wurden. Diese Anleihen kamen zwar praktisch nicht in Betracht, aber dennoch ein durchaus mögliches Szenario, wenn die noch hoch rentablen langjährigen Anlagen ablaufen und eine Neuinvestition gesucht werden muss. Sollten Wertpapiere an Wert verlieren, kommt als Gegenstück der Bewertungsreserve die sog. „stillen Lasten“ zum Tragen.

Bewertungsreserven sind per Definition kein „Geld zum Anfassen“, sondern virtuell. Sie existieren schlicht nur auf Papier und verwandeln sich in eine Null, wenn die Laufzeit der Papiere abläuft.

Im Jahr 2012 wäre das Volumen der Bewertungsreserven aufgrund der stark fallenden Zinsen unverhältnismäßig hoch angestiegen. Je schlechter die Wiederanlagemöglichkeiten sind, desto höher sind die Bewertungsreserven. Umgekehrt würden die Bewertungsreserven wieder rückläufig, sofern das Zinsniveau wieder anstiege.

Nur etwas 5 Prozent aller Lebensversicherungskunden würden von der derzeitigen gesetzlichen Regelung zur den Ausschüttungen der Bewertungsreserven profitieren. Die anderen 95 Prozent der LV-Kunden würde dadurch die laufende Verzinsung ihrer Versicherungspolicen absinken.

Das Dilemma mit virtuellen Werten, die im Nichts verschwinden

Nachdem die Bundesregierung die Gesetzesvorlage zur Neuregelung der Bewertungsreserven auf Eis legte, hat sich bis heute dennoch das große „Verwirr-Spiel“ um scheinbar virtuelle Werte und deren realen Ausschüttungen gelichtet.

Sofern die durch Wertpapiere erwirtschafteten Zinsen bzw. Renditen in Teilen an die Versicherungskunden ausgeschüttet werden, ist der Zweck der Investition an sich erfüllt worden. Der als rein verbuchte Wert der Bewertungsreserve löste sich sofort auf, wenn die Anlage abläuft. Der große „Gewinn“ durch den „Verkauf“ der Wertpapiere bliebe jedoch aus, da bereits die laufende Verzinsung weiter gereicht wurde. Das liquide Kapital wird neu angelegt.

Sollte der „virtuelle Buchwert“ an die Kunden ausgeschüttet werden (müssen), so wären die Versicherer dazu gezwungen, „Luftgeld“ in echtes Geld zu verwandeln, welches nach Fälligkeit der Wertpapiere unterm Strich aus anderen Quellen kompensiert werden müsste.

Ein „System“ welches für Investment-Banken als selbstverständlich gilt
Eigentlich ist das Thema Luftgeld und virtuelle Werte ein alter Hut. Wenn ein Banker oder Ökonom von „Realwirtschaft“ spricht, ist Produktivität und „echtes Geld“ gemeint. Die andere Seite ist „Hologramm“. Das fängt bereits bei der einfachen Kreditvergabe an die Privatperson an, bei der die Bank tatsächlich nur ein Bruchteil der vergebenen Kreditsumme parat haben muss, und geht bis hin zu den Multi-Milliardengeschäften der Hedge-Fonds. Billionen Summen an virtuellen Werten werden über den Globus geschoben.

Fakt jedoch ist, sollte sich eine Großbank verzocken und darüber hinaus noch „systemrelevant“ sein, so sind zwar noch „teil-virtuelle“ Rettungs-Bastionen wie der ESM (eigentlich für Staaten vorgesehen, aber im Endeffekt kommt dieser den Kreditinstituten zugute) dazwischen geschaltet, aber am Ende kommt der Steuerzahler wieder mit seinem „echten Geld“ dafür auf.


Bild: CC0 1.0 Universal

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