Dienstag, den 19. Juni 2018

Hat Bundesregierung mit Armutsentwicklung nichts zu tun?

Bundesregierung


Der neue Armuts- und Reichtumsbericht im Jahr 2017 enthält viel Zündstoff. Verfechter der Theorie eines rein „postfaktischen“ Effekts sollten nun schweigen. Die Bundesregierung hält zum Bericht der fatalen Armutsentwicklung allerdings eine gewisse Distanz. Gerade so, als wenn man damit überhaupt nichts zu tun hätte.

Die Täter waschen ihre Hände in unbeholfener Unschuld

Bundesregierung

Unterstützer der Ungleichheit geben sich überrascht

Die Propagandisten von einem nur „gefühlten Anstieg“ der ungleichen Einkommensverhältnisse in der Bundesrepublik sollten mit dem aktuellen Armuts- und Reichtumgsbericht zumindest für eine Zeit lang innehalten. Der offizielle Bericht der Bundesregierung – wohl ohnehin schon etwas entschärft – zeigt, dass die reichsten zehn Prozent der Haushalte mehr als die Hälte des gesamten Nettovermögens besitzen. Die untere Hälfte der Haushalte besitzt ledigich 1 Prozent.

Dazu kommt die ungleiche Lohnentwicklung innerhalb der vergangenen 20 Jahre zum Nachteil der Arbeitnehmer, die ohnehin schon im Niedriglohnsektor beschäftigt sind. Die obersten 60 Prozent der Beschäftigten hatten seit Mitte der 90er Jahre bis 2015 einen realen Anstieg ihres Bruttolohns. Die Löhne der unteren 40 Prozent der Beschäftigten sind im gleichen Zeitraum sogar gesunken.

Die Löhne des untersten Zehntels sanken um -7 Prozent, ebenso die Löhne im zweiten Zehntel. Die Löhne der obersten 30 Prozent stiegen dagegen um 8 bis 10 Prozent an.

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) kommentierte die Zahlen des aktuellen Armuts- und Reichtumsbericht und die mangelnde Wahlbereitschaft der verarmten Menschen „treffend“: „Dieser Befund ist echt krass.“ Gerade so, als wenn weder die Bundesregierung, geschweige das Bundesarbeitsministerium irgendetwas mit dieser Entwicklung in der Bundesrepublik zu tun hätten.

Dafür entschied sich die Bundesregierung als „gerechten Ausgleich“ für die Ausblendung der bereits im vergangenen Herbst im Bericht enthaltenen Passage, dass vor allem die Vermögenden in der Bundesrepublik die politischen Entwicklungen beeinflussen und die verarmte Bevölkerung ins Hintertreffen gerät.

Der Bundesregierung, in ihrer gefühlten Position als unabhängiger Beobachter, fiel bis dato nichts besseres ein, als vor einer „Spaltung der Gesellschaft“ zu warnen. Offenbar wollen die verantwortlichen Regierungsbeteiligten den schon längst klaffenden tiefen Spalt nicht anerkennen, da die hohe Anzahl der bereits in den Abgrund gefallenen Menschen einen vermeintlich sicheren Untergrund bilden.

Die Grünen verfolgen die gleiche Strategie der reinen Unschuld und sehen die Entwicklungen der vergangenen Jahre mit einem vermeintlich großen Abstand. Die Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt kritisierte den Umgang der großen Koalition mit dem Armuts- und Reichtumsbericht scharf. „Es ist einfach lächerlich, welche Verrenkungen die Bundesregierung bei der Erstellung des Armuts und Reichtumsberichts vollzieht“, so Göring-Eckardt zur Saarbrücker Zeitung (Freitagsausgabe).

SPD und Grüne wollen wohl wissend vergessen haben, dass ihr gemeinsames Wirken zur Agenda 2010 die Grundsteine für die heute „krasse Situation“ legte.




  Relevante Berichte zum Thema - Das könnte Sie interessieren

Pläne Mütterrente: VdK kündigt „großen Ärger“ an
Pläne Mütterrente: VdK kündigt „großen Ärger“ an

Altersrente – Der Sozialverband Vdk kündigt der möglichen Großen Koalition aus Union und SPD „großen Ärger“ an, sollte am gegenwärtig ausgehandelten Modell... 

Dank Hartz IV: Erwerbstätig und dennoch arm
Dank Hartz IV: Erwerbstätig und dennoch arm

Arbeitsmarkt – Erwerbstätig und dennoch arm. In der Bundesrepublik fallen bzw. bleiben immer mehr Menschen unter der Armutsschwelle trotz einer Beschäftigung. Hartz IV zählt... 

Armut in der BRD – Kurzurlaub unmöglich
Armut in der BRD – Kurzurlaub unmöglich

BRD-Armut – Armut zeigt sich vor allem bei den vermeintlichen Selbstverständlichkeiten im Alltag. Ein Fünftel der Bundesbewohner könnte mangels finanzieller Mittel keine... 

Studie: Bertelsmann Stiftung warnt vor Altersarmut
Studie: Bertelsmann Stiftung warnt vor Altersarmut

Rente – Niedriglohn, Langzeitarbeitslosigkeit und Minijobs sind die Grundlage der heutigen und vor allem künftigen Altersarmut. Die Bertelsmann Stiftung bestätigt durch... 


  Weitere Artikel aus dem gleichen Themenbereich

Teuerungsrate stieg im Mai 2018 auf 2,2 %
Teuerungsrate stieg im Mai 2018 auf 2,2 %

Konjunktur – Die Preise im Bundesgebiet stiegen bis zum Mai 2018 deutlich an. Auf Jahressicht betrug die Teuerungsrate für Konsumenten 2,2 Prozent. Antreiber waren vor allem... 

Zahl Insolvenzanträge ging im 1. Quartal 2018 zurück
Zahl Insolvenzanträge ging im 1. Quartal 2018 zurück

Konjunktur – In den ersten drei Monaten des Jahres 2018 ging die Zahl der angemeldeten Insolvenzen von Firmen, ehemals Selbstständigen und Privatpersonen erneut zurück. Baubranche... 

Handwerksbetriebe weisen 1. Quartal 2018 gestiegene Umsätze auf
Handwerksbetriebe weisen 1. Quartal 2018 gestiegene Umsätze auf

Konjunktur – Das Handwerk im Bundesgebiet befindet sich derzeit noch auf einem aufsteigenden Ast. Im ersten Quartal 2018 legten die Umsätze der zulassungspflichtigen Handwerksbetriebe... 

Dt. Exportindustrie baute im April 2018 Überschüsse weiter aus
Dt. Exportindustrie baute im April 2018 Überschüsse weiter aus

Konjunktur – Die deutsche Exportindustrie baute ihre Überschüsse in der Außenhandelsbilanz auch im April 2018 weiter aus. Auf Jahressicht stiegen die Ausfuhren stärker... 

Ihre Meinung zählt! - Ein paar Zeilen von Ihnen sind uns sehr viel wert.

Wenn Sie zum Thema gerne etwas ergänzen wollen, inhaltliche Fehler entdecken oder völlig anderer Meinung sind: Kurze Sätze sind ebenso willkommen wie "halbe Romane".
Bitte die Netiquette beachten (Regeln)

Hiermit akzeptiere ich die Datenschutzbedingungen

Wir benutzen Cookies für die Verbesserung der Nutzerfreundlichkeit. Durch Ihren Besuch stimmen Sie dem zu.